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Zwei blökende Schafe

Das Muttertier

Sticheleien, Seitenhiebe, Affronts, erhobene Zeigefinger, mahnende Worte: In Online-Mütterforen geht’s zur Sache, es wird gestritten bis aufs Blut. Warum ist das so und wie kann ich mich dem entziehen? Ein Erklärungs- und Lösungsversuch.

„Cola macht die Knochen kaputt“, „Fernsehen für Dreijährige ist schädlich“, „Nur Stillen ist gesund“, „Nicht geimpften Kindern sollte man den Kindergarten verbieten“, „Schreien lassen ist das absolut Letzte“, „Ich würde nie dieses Fertigzeug füttern“.

Solche oder ähnliche Aussagen sind Ihnen sicher schon begegnet in Online-Diskussionsforen oder Facebook-Gruppen. Eine ganze Armada von Kinderärzten, Ernährungsspezialisten und Erziehungsberatern ist dort unterwegs, so scheint es. Doch es sind Mütter wie Sie und ich. Mütter, die sich ereifern, die tadeln und verurteilen und einen Krieg führen. Einen Krieg untereinander. Nicht selten ufern die Dialoge aus, enden in Beleidigungen und persönlichen Angriffen. Mal subtil, versteckt zwischen den Zeilen, mal offensiv oder gar ordinär. Fast immer aber schwingt ein unausgesprochener Vorwurf mit: „Wie kannst du nur?“, „Hast du das etwa nicht gewusst?“, „Du bist unverantwortlich.“, „Du bist eine schlechte Mutter.“

Warum ist das so? Was führt zu dieser, manchmal spießigen, oft ideologisch gefärbten Kommunikation?

Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten und werde schnell fündig, denn über die „Müttermafia“ und den „Mütterkrieg“ wird seit Jahren geschrieben und diskutiert – auf fachlicher und emotionaler Ebene. Der O-Ton und das Resümee sind dabei oft gleich. Ursache des mütterlichen Konkurrenzkampfes seien verschiedene Lebensmodelle, die aufeinanderträfen und es zu verteidigen gelte, etwa bei der Vollzeitmutter, die auf die berufstätige Mutter stieße. So erläutert es beispielsweise Friederike Otto, wissenschaftliche Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit der Medizinischen Hochschule Hannover in einem Interview mit der Zeitschrift Brigitte. Auch Cornelie Kister, Autorin von „Mütter, euer Feind ist weiblich!„ ist überzeugt, dass die Wahl des eigenen Lebensmodells der Antrieb des Mütterkrieges ist. In einem Beitrag in Süddeutsche Zeitung Magazin schreibt sie: „[…] wenn die eigene Verteidigung schwierig scheint, muss eben zur Rechtfertigung das Lebensmodell der anderen infrage gestellt werden […].“

Für mich greift dieser Ansatz kurz. Denn zum einen ist das Lebensmodell des digitalen Gegenübers meist nicht bekannt, zum anderen geht es in den Diskussionen oft um viel weniger als Grundsatzentscheidungen. Die Themen, um die gestritten wird, sind alltagsbezogen, es geht um Ernährung, Gesundheit, um Ausstattung und Erziehungsfragen.

Warum also enden wir Mütter in diesem kleinlichen Hickhack?

Mal abgesehen davon, dass das Internet die Hemmschwelle senkt und klassische Umgangsformen oft außer Kraft setzt, glaube ich, dass uns die Vielfalt an Möglichkeiten und das Überangebot schlichtweg überfordern und verunsichern. Wir leben in einer Welt, in der wir ständig abwägen und Entscheidungen treffen müssen. Mit dem ersten Kind stehen wir vor einer Flut von Entscheidungen, deren Grundlagen wir uns erst einmal erarbeiten müssen: Tragehilfe oder Tragetuch, Stillen oder Fläschchen, Reinigungstücher oder Wasser, Fertigbrei oder frisch kochen, Impfen jetzt, später oder gar nicht, Elternbett oder Wiege. Nichts ist uns wichtiger, als das Wohl und die Unversehrtheit des Kindes, und darum nehmen diese Fragen einen so hohen Stellenwert bei uns ein. Zur Entscheidungsfindung wälzen wir Bücher, fragen im Freundeskreis, lesen Experteninterviews.

Erschwert wird dieser Prozess durch das schier unglaublich große Produktangebot und die Vielfalt an Möglichkeiten. Allein zum Thema Impfen gibt es über 300 deutschsprachige Bücher auf dem Markt, die meisten mit unterschiedlichen Standpunkten. Bei den Tragesystemen sind derzeit rund 55 Modelle im Umlauf und ebenso viele Pros und Contras.

„Unsere Entscheidungen sind Haltegriffe, an denen wir uns durch den Alltag mit den Kindern hangeln.“

Treffen wir unsere Entscheidung, beruht die entweder auf Empfehlungen von außen, auf einem besseren Bauchgefühl, einer These, die uns am ehesten entspricht oder einer Summe aus allem. An unserem mühsam erarbeiteten Entschluss wollen wir festhalten, denn er gibt uns Sicherheit. Unsere Entscheidungen sind Haltegriffe, an denen wir uns durch den Alltag mit den Kindern hangeln. Wir bauen aus ihnen und aus unseren Regeln und Werten eine eigene, sichere Welt und vergessen dabei manchmal, dass es draußen viele andere Welten gibt, die genauso gut funktionieren. Stattdessen verteidigen wir unsere Entscheidungen und unsere Lebensweise vehement nach außen, geben sie, gefragt oder ungefragt, als Ratschlag weiter. Und wir fühlen Erleichterung, wenn wir darin bestärkt werden durch andere, die ähnlich ticken wie wir. Das kann aber nur ein Bruchteil sein, der Rest lebt anders und macht es anders. Und hier genau liegt der Hund begraben.

Was also können wir tun, für ein angenehmes Miteinander und für uns selbst?

Zurückblicken und Entspannen:
Beim zweiten Kind wird alles anders: Mütter mit mehr als einem Kind sind oft tiefenentspannt. Was beim „Ersten“ noch wichtig war, relativiert sich ab dem „Zweiten. Ich habe selbst zwar nur ein Kind, kann aber rückblickend oft nicht mehr nachvollziehen, warum ich um vieles so ein Aufhebens gemacht habe. Vielleicht können wir uns mit diesem Wissen die Entscheidungsfindung erleichtern. Es gibt nicht das Optimum, aber es gibt viele Lösungen, die gleich gut sind.

Mir hilft auch der Blick zurück auf meine eigene Kindheit. Vieles, was damals Usus war, wird heute unter Müttern geächtet. Und? Macht das unsere Mütter zu schlechteren Menschen? Sind wir, die häufig nicht gestillt, dafür aber fremdbetreut wurden und die Cola tranken traumatisiert oder sonst irgendwie geschädigt? Für mich selbst kann ich das ausschließen.

Bewusst werden:
Oft sind es nur Satzfragmente im Internet, die unsere inneren Warnlampen aufleuchten lassen: Warum bitteschön ist ein Dreijähriger allein Zuhause? Wie kann die Mutter vergessen, ihr Kind abzuholen? Hier ist es sicher hilfreich, innezuhalten und sich bewusst zu werden, dass dies nur eine Momentaufnahme ist. Wir kennen weder die Umstände noch die Hintergründe, die zu dieser Situation führten.

Abstand halten
Das Internet provoziert geradezu Missverständnisse. Unser Austausch läuft ausschließlich über das geschriebene Wort und es fehlt die nonverbale Kommunikation. Das kann schnell zu Fehlinterpretationen führen und eine unverfänglich gemeinte Frage wird so als persönlicher Angriff verstanden. Ich glaube nicht, dass sich dies durch Ping-Pong-Mailerei klären lässt. Hier hilft wohl nur, innerlich Abstand und seine Emotionen zurück zu halten.

 

Neben den Zwistigkeiten möchte ich aber nicht vergessen zu betonen, dass das Internet, und insbesondere die Müttergruppen, mir bei vielen Alltagsfragen behilflich war und immer noch ist. Und das wiegt für mich letztendlich alles andere auf.

In diesem Sinne auf ein gutes Miteinander!

PS: Die Aussagen am Anfang des Textes sind reale „Fundstücke“ aus Facebook.

 

 

(Bild: Schafe, suju, Lizenz: Creative Commons CC0)

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