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Ein Sportler in Aktion

Trendsport Parkour

Springen, balancieren, klettern – und das nicht unbedingt nur in der Natur, sondern direkt vor der Haustür. Parkour ist ein Sport, der weder eine teure Ausrüstung braucht, noch einen speziellen Ort. Jens Rößler, Gründer der Parkour-Gruppe Heidelberg und Trainer für Kinder und Jugendliche, erläutert im Interview weitere Vorteile.

Auf vier Fingern pfeifen, lässig eine Augenbraue heben, freihändig Fahrrad fahren: Was ich heute noch kann, basiert auf langem, hartem Training in Jugendzeiten. Cool damals war, wer das konnte. Unangefochtene Nummer Eins in Sachen Coolness war allerdings das einhändige Überspringen von Zäunen und Mauern. Genannt „Passement Rapide“, wie ich mittlerweile weiß, und eine Technik in der Sportart Parkour.

Eher zufällig sehe ich ein Video über den Trendsport. Junge Männer springen darin von Dach zu Dach, überwinden in atemberaubender Geschwindigkeit Geländer, Balustraden und Treppen, stürzen sich in Rückwärtssalti von hohen Simsen. „Wahnsinn“, denke ich und bin beeindruckt. Und genau das sei auch für viele die Motivation, mit Parkour anzufangen, sagt Jens Rößler, Gründer der Parkour-Gruppe „Flying Monkeys“ in Heidelberg: „Wenn man mit Parkour in Berührung kommt, dann meist über Youtube-Videos. Dort sieht das Ganze extrem rasant und gefährlich aus.“ Doch diese Videos seien vergleichbar mit einer Show, so Rößler. „Dahinter steckt jahrelanges und hartes Training. Das sind Profis, und die verdienen damit ihr Geld.“

Porträtfoto von Jens Rößler
Jens Rößler, Parkour-Trainer und Gründer der „Flying Monkeys“ (Bild: Ulrike Seifart)

Jens Rößler gibt ehrenamtlich in Heidelberg Parkour-Kurse für Kinder und Jugendliche. Aber ist dieser Sport für Kinder überhaupt geeignet, Herr Rößler?

Ja, unbedingt! Das normale Training findet meist niedrig statt mit Techniken, bei denen man sicher ist, dass man sie kann. Viele Übungen aus den Videos, wie Flickflack oder Salto, kommen streng genommen gar nicht aus Parkour sondern gehören zum Freerunning.

Und was genau ist Parkour?
Kurz gesagt ist Parkour die Kunst der effizienten Fortbewegung, und gründete ursprünglich auf einem Fluchtgedanken. Also, wie komme ich so schnell wie möglich von A nach B.

Was lernen die Kinder in Ihren Kursen?
In den Kursen nutzen wir den natürlichen Bewegungstrieb der Kinder und bauen darauf auf. Wir üben zum Beispiel Präzisionssprünge und Abrollen, wir erklettern Mauern, machen Balancespiele, um das Körpergefühl aufzubauen und leichtes Krafttraining.

Springen, Abrollen, Balance – das klingt eigentlich sehr förderlich. Steigt denn das Verletzungsrisiko für mein Kind mit dem Sport oder sinkt es gar?
Das Verletzungsrisiko bei Parkour ist relativ gering, weil die Kinder lernen, sich selbst einzuschätzen. Sie wenden nur Techniken an, bei denen sie sicher sind, dass sie sie können. Und für den Fall, dass etwas passiert, haben sie schon vorher eine Notlösung parat. Im Vergleich zu Mannschaftssportarten ist das Verletzungsrisiko viel geringer.

Eine Notlösung vorab – wie muss ich mir das vorstellen?
Vor jedem Sprung, den ich noch nie gemacht habe, überlege ich mir, was passieren könnte, um mich mental darauf vorzubereiten.  Ein Beispiel: Ich möchte auf eine Mauer springen und weiß, dahinter geht es tief runter. Dann muss ich mir vorher überlegen, was passiert, wenn ich zu viel Schwung bekomme. Eine Lösung wäre, dass ich mich den Hang herunterrollen lasse. Das Abrollen übe ich natürlich vorher. Diese mentalen Einstellungen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Kurse.

Ein Kind balanciert auf einer Stange, Jens Rößler läuft nebenher.
Mit dem Balancieren wird der Gleichgewichtssinn trainiert. (Bild: Ulrike Seifart)

Welche sind aus Ihrer Sicht die überzeugendsten Argumente für den Sport?
Parkour ist etwas sehr Natürliches, der ganze Körper ist dabei. Die meisten, die ich kenne, haben mit Parkour eine positive Entwicklung vollzogen. Nicht nur, was die Fitness angeht, sondern auch der Umgang mit Anderen. Denn Parkour ist kein Wettkampf, es geht nicht darum, besser zu sein, als andere. Parkour ist ein Miteinander, man gibt sich gegenseitig Hilfestellungen, ist respektvoll und gönnt anderen den Erfolg.

Wenn ich an das oft verhasste Bockspringen im Schulsport denke, bringt Parkour da vielleicht Vorteile?
Auf jeden Fall. Wer Parkour macht, hat es ganz sicher leichter bei Bocksprung oder Reckturnen. Das höre ich oft von den Kindern. Neben den Kursen mache ich auch Lehrerfortbildungen, denn an vielen Schulen wird mittlerweile Parkour als einleitendes Element im Schulsport angewandt.

Welches ist das beste Alter, um einzusteigen?
In unseren Kursen fangen wir ab neun Jahren an. Das aber eher spielerisch. Erst mit 11 oder 12 Jahren beginnen wir, richtige Techniken zu trainieren.  Grundsätzlich kann jeder anfangen, der will. Nach oben gibt es sowieso keine Altersgrenze. Ich würde nur nicht zu jung beginnen, weil die Kinder motorisch noch nicht so weit sind, und es auch für die Gelenke nicht so günstig ist.

Was wird an Ausrüstung benötigt?
Nichts Spezielles. Bei den Schuhen tut es jeder Turnschuh. Normale Laufschuhe sind super, man sollte nur darauf achten, dass die Sohle durchgängig ist und keine aufgeklebten Elemente hat. Ansonsten genügt bequeme Kleidung.

Und wo kann ich den Sport ausüben?
Überall – das ist ein weiterer positiver Punkt. Ob im Park, vor dem Haus oder in der Halle, Parkour ist alltagstauglich. Unsere Kurse finden im Freien statt, andere in der Halle.

Die „Flying Monkeys“ sind eine Gruppe von Athleten und Trainern in Heidelberg, die sich zum Ziel gesetzt haben, Parkour weiter zu vermitteln. Sie stellen Trainer für Jugendeinrichtungen, Schulen und Sportvereine und geben Shows.

Über Google findet man verschiedene Kurse und Angebote in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. Die ParkourONE GmbH mit Angeboten in vielen Regionen Deutschlands und der Schweiz ist sicher eine gute Anlaufstelle für weitere Informationen.

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