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Historische Aufnahme eines Mann mit Fahrrad.

„Sie“ oder „du“ – das Dilemma bei der Anrede

Die Autorin des Blogs favorisiert ein digitales „Sie“. Auch weil damit schwerer gepöbelt werden kann. Aber mehr noch, weil sie den Blogbesuchern ihren Respekt zollen möchte.

Kennen Sie das? Sie treffen auf eine freundliche und zugewandte Person, ein Gespräch beginnt. Aber Sie fühlen sich während des Gesprächs etwas unwohl, weil die Person Ihnen körperlich zu nahesteht.  Vielleicht machen Sie einen Schritt zurück oder wenden ein wenig Ihren Körper ab.
So ähnlich ergeht es mir oft, wenn ich von Unbekannten überraschend geduzt werde. Dieses “du„ irritiert mich, es ist für mich eine Vertraulichkeit, die ich mit dem Menschen gar nicht haben kann. Im Alltag draußen passiert das selten, in der digitalen Welt dagegen täglich. Warum gibt es diesen Unterschied? Oft kommt an dieser Stelle das Argument, dass es eben üblich sei, sich bei Facebook, in Foren und eben auch Blogs zu duzen. Aber wie lässt es sich logisch erklären, dass beispielsweise die unbekannte Mutter in der Facebookgruppe geduzt wird, aber bei einem Aufeinandertreffen auf der Straße selbstverständlich gesiezt werden würde?

Konsequent inkonsequent

Es ist dieser nicht nachvollziehbare Bruch, der das Handling von „Sie“ und „du“ im Alltag heute so schwierig macht, und er sorgt für einen wahren Anrede-Wildwuchs. Da gibt es Unternehmen, die in ihrer Kommunikation zum „du“ übergegangen sind, ob bei Facebook oder im täglichen Geschäft. In deren Stellenanzeigen stehen dann Sätze wie „Möchtest du deine Fähigkeiten in einem kontinuierlich wachsenden Unternehmen einbringen?“ und „Sende uns deine Bewerbungsunterlagen unter Angabe deiner Gehaltsvorstellung“. Der weitere Text lässt dann eindeutige Rückschlüsse zu, dass die gesuchte Person weit über 30 sein muss, um das Anforderungsprofil zu erfüllen. Ich fühle mich von solchen Stellenanzeigen sehr befremdet, bewerben würde ich mich dort nicht. Dann gibt es Unternehmen, die in den Social-Media-Tools duzen, auf allen anderen Kanälen aber siezen.  Das ist dann konsequent inkonsequent und führt nicht selten zu Peinlichkeiten. So hat eine Hilfsorganisation einen Ehrenamtlichen bei Facebook geduzt, obwohl sie den Herrn sonst immer siezt. Der Herr war 81 Jahre alt und ich habe mich fein fremd geschämt. Wie mag sich der Mann wohl gefühlt haben? Vielleicht ja ohne jegliche emotionale Regung? Vielleicht ist das Anrede-Problem mein ganz eigenes Problem, das kaum jemand sonst hat?!

Ist Höflichkeit falsch?

Das alles geht mir durch den Kopf während ich überlege, wie ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser ansprechen soll. Man würde wenig Verständnis für mein Problem haben, heißt es in meinem Bekanntenkreis. Die LeserInnen fühlten sich vom „Sie“ nicht angesprochen und im schlimmsten Fall sogar abgestoßen. Ich kann aber nicht aus meiner Haut, denn das „Sie“ ist für mich eine Form der Höflichkeit. Ich zolle Ihnen damit meinen Respekt. Kann das falsch sein?

Das soll aber nicht bedeuten, dass ich alles andere für respektlos hielte. Keineswegs!. Es ist mein ganz eigenes „Dilemma“, und ich habe volles Verständnis für den Usus, der sonst gehandhabt wird. Es ist ein bisschen so, als würde ich zur Faschingsparty als Einzige unverkleidet kommen, während um mich herum alle Kostüme tragen und ausgelassen feiern.

Aber lassen Sie mich zum Schluss doch noch eine Lanze für das „Sie“ brechen: Ich bin überzeugt, dass im Internet weniger getrollt* und gepöbelt werden würde, wenn das „Sie“ üblich wäre. Denn wie heißt es im Volksmund: „Es sagt sich leichter „du Arsch“ als „Sie Arsch“.

Ihre Ulrike Seifart

*Eine Tätigkeit, die auf emotionale Provokation im Netz zielt. (Substantiv: der Troll)

PS: Ich möchte gerne Ihre Meinung dazu hören. Fühlen Sie sich vom „Sie“ in diesem Blog abgestoßen? Wenn ja, warum? Oder empfinden Sie die Anrede angenehm oder Ich freue mich auf eine anregende und offene Diskussion.

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